11 September 2006

Hä? Sprache im Wandel, erster Teil

Wieso heisst ein Lebenslauf CV? Wieso ist die Frau der Personalabteilung plötzlich für die Human Resources zuständig? Heisst der Jelmoli an der Bahnhofstrasse House of Brands, weil es dort häufig gebrannt hat? Oder ist dort alles brandneu? Oder haben Sie neuerdings viele Brandon im Verkauf engagiert?

Diesen und ähnlichen Fragen will ich mich in der mehrteiligen Artikelserie "hä? Sprache im Wandel" annehmen. Thematisch wird es vor allem um die (neu)deutsche Sprache gehen, fokusiert auf gegenwärtige Entwicklungen.

CV steht für "curriculum vitae". Lateinisch für Lauf des Lebens.

CV ist also die Abkürzung der wortwörtlichen lateinischen Übersetzung von Lebenslauf. Was mag nun der Grund dafür sein, dass der bewährte und allseits verstandenene Begriff "Lebenslauf" durch den Ausdruck "CV" ersetzt wurde? Darüber kann ich natürlich von meiner Warte aus nur spekulieren. Vielleicht ist CV international besser einsetzbar, weil einheitlich. Vielleicht, weil CV kürzer ist. Wobei man ja auch "Lebenslauf" mit "LL" abkürzen könnte. (Schicken Sie uns bitte Ihren LL zu?).

Vielleicht kommt der neue Ausdruck aus den USA, wie viele andere auch. Vielleicht benützen Leute ihn lieber, da ihn nicht alle verstehen. Und man kann sich dann durch den sprachlichen Ausdruck abgrenzen. Sprache scheint allgemein ein häufig benutztes Mittel zur Abgrenzung und Distanzierung zu sein. Andererseits kann sie auch verbindend wirken, man denke z.B. an Jugendsprachen.

Meine Wertung: "CV" ist überflüssig, unverständlicher und auch nicht schöner als Lebenslauf. Pfui, weg damit.

Human Resources

Die Verenglischung hält in vielen Bereichen Einzug. In Banken und anderen Unternehmen kommt diese Entwicklung besonders deutlich zum Vorschein. Man blättere einmal in Jobbeschreibungen von Geldinstituten.

Will man sich im "Investment Management" oder im "Client Management Private Banking" betätigen? Oder doch im Bereich "Treasury, Trading, Sales"? Man kann auch "Junior Strategy Project Mgr. - Business Development" werden. Glücklich, wer weiss, wie sein Beruf heisst.

"Human resources" ist zudem auch unter anderen Blickwinkeln ein kritisierbarer Begriff. Ist der Mensch nur noch eine Resource? Gleichgestellt mit Strom, Beton, Land und Wasser. Auswechselbar wie ein Huhn in einer Legebatterie?

Wertung: unnötig, unverständlich. Pfui.

Brand, englisch "Marke"

Auch bei den Warenhäusern sind die Anglizismen angekommen. Beim Jelmoli an der Bahnhofstrasse sind die Gründe offensichtlicher. Viele Touristen aus aller Welt. Englisch als Weltsprache.

Aber dennoch irgendwie seltsam, wenn viele Leute (der Grossteil?) ein Wort an so prominenter Stelle nicht verstehen können. Ähnlich Orange: "The future is bright, the future is orange". Was heisst denn "bright" schon wieder? Guckt doch mal in den Duden... Fortsetzung folgt demnächst.

Herzlichst
euer Kulturminister

Kommentare:

Pepe hat gesagt…

wie ging das noch einmal mit den volkswirtschafltichen Produktionsfaktoren? Kapital, Arbeit und Boden. Ersetzt human ressources nun den begriff der arbeit? dies kann wohl kaum geschehen ohne eine entsprechenden sinnwandel, drücken doch die beiden wörter nicht dasselbe aus. während bei arbeit das erzeugnis im mittelpunkt steht, der prozess, so handelt es sich bei human ressources um das subjekt an und für sich. schade, wenn der mensch und nicht bloss seine mögliche leistung eingegliedert wird. die batterie henne scheint demnach keine abwägige methapher zu sein. da wird auch das ganze hühnchen aufs stängeli gebunden und nicht nur eier eingesammelt.
aber vieleicht muss man diesen ausdruck auch nur als mode bezeichnen, neu ist eine solche bezeichnung nämlich nicht umbedingt. von menschenmaterial wurde beispielsweise im naturalismus des 19./20. jahrhunderts auch bereits gesprochen. wobei noch bemerkt werden muss, dass dies in keinerlei hinsicht als ein rühmendes beispiel angeführt werden darf. zusammenfassend finde ich dieses wort ein zeugnis schlechten geschmacks und es gibt gute gründe es nicht zu mögen.

Pepe hat gesagt…

ich werde mich wohl noch ein bisschen mit volkswirtschaft auseinandersetzen müssen ...

mathias hat gesagt…

Sprache ist stetem Wandel unterworfen. Warum ist dies der Fall? Grundsätzlich ist zu beachten, dass es keine Sprache jeneits einer Sprachgemeinschaft geben kann, die sie verwendet. Gesellschaft und Sprache sind eng miteinander verknüpft. So bedingen gesellschaftliche Änderungen gleichsam Veränderungen im System Sprache. Und Änderungen sind in unserer turbulenten Gesellschaft an der Tagesordnung.
Andererseits ist unser Denken seinerseits sprachlich strukturiert. In Begriffen sind Inhalte sedimentiert, die in ihrer Aktualisierung (im sprachlichen Gebrauch) gesellschaftliche Strukturen stützen oder neue hervorbringen. Da beisst sich also die sprichwörtliche Schlange in den teuflisch-zirkulären Schwanz. Eines steht jedenfalls fest: weder Sprachpurismus, noch Privatsprachen haben sich bewährt ;-) so what! go widda flow - au wenns dä bach ab gaht...